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Zwischen Mosaiken und Melancholie: Ein Oktoberspaziergang durch Ravenna mit Dante

Aktualisiert: 11. Okt.

Ravenna im Oktober: Ein Espresso mit Dante

Ich sitze im Dante Café, ganz in der Nähe der Schweigezone, wo Dante Alighieri seine letzte Ruhe fand. Vor mir steht ein kräftiger Espresso macchiato, daneben ein mürbes Mandelgebäck, das beim ersten Bissen zerfällt wie altes Pergament. Die Oktobersonne wärmt mein Gesicht, die Luft ist klar und still. Die ersten Blätter fallen – golden und langsam. Sie erinnern mich daran, wie flüchtig die Zeit ist – ein kostbares Gut, das wir allzu oft achtlos verstreichen lassen.

Es ist der perfekte Moment, um aufzubrechen. Mein Ziel: ein Spaziergang durch Ravenna auf den Spuren des Dichters, der mit der Göttlichen Komödie Weltliteratur schrieb – und hier, fern seiner Heimat Florenz, starb.

Die Schweigezone: Wo Worte weiterleben

Nur wenige Schritte vom Café entfernt liegt die Zona del Silenzio, die Schweigezone rund um Dantes Grab. Ich stehe vor dem Mausoleum, sein Grab ist aus hellem Marmor und von Efeu umgeben. Still und würdevoll wirkt dieser Ort auf mich, der mehr sagt als tausend Worte. Erst 1865, zum 600. Geburtstag des Dichters, wurden seine sterblichen Überreste offiziell in das heutige Mausoleum überführt. Jeden Tag um 18 Uhr werden hier Verse aus der La Divina Commedia live vorgetragen – ein Ritual, das seine Worte und ihre Wirkung lebendig hält.

Wie Dante die italienische Sprache prägte Dante Alighieri wurde 1265 in Florenz geboren. Er war Dichter, Philosoph, politisch engagiert und papstkritisch – was ihm schließlich das Exil einbrachte. Nach Jahren des Wanderns fand er in Ravenna Zuflucht. Hier vollendete er sein Hauptwerk: La Divina Commedia, eine Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies – geschrieben nicht auf Latein, das nur wenigen Gelehrten vorbehalten war, sondern auf Italienisch. Damit legte er den Grundstein für die moderne italienische Sprache. Dantes Göttliche Komödie fragt, was Schuld bedeutet, wie wir Vergebung finden und was es heißt, gut zu handeln. Genau deshalb bleibt sie aktuell. Dantes Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies ist nicht nur eine Wanderung durch das Jenseits – sie ist ein Spiegel für unsere eigene Suche nach Wahrheit.


Foto: Sonja Lehr     Piazza San Francesco
Foto: Sonja Lehr Piazza San Francesco

Das Dante-Museum: Geschichte zum Anfassen

Ich spaziere weiter zum Museo Dante, das in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist. Die Räume sind kühl, das Licht fällt weich durch die Fenster. Multimediale Stationen, alte Drucke, Porträts – alles erzählt von Dantes Leben, seinem Denken, seinem Einfluss. Ich erfahre, wie tief sein Werk in der Weltliteratur verankert ist. Seine Verse inspirierten Botticelli, Michelangelo, T.S. Eliot und Borges. Über 700 Jahre später wird Dante noch gelesen, zitiert, interpretiert – in Schulen, Opern, Graphic Novels und Filmen.


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Foto: Sonja Lehr

Abschied mit Blick auf die Ewigkeit

Zum Abschluss setze ich mich auf eine Bank nahe der Basilika San Francesco. Die Blätter tanzen im Wind, und ich schlage eine kleine Ausgabe der Göttlichen Komödie auf. Ich lese ein paar Zeilen – und es fühlt sich an, als würde Dante selbst durch die Gassen gehen. Als wäre Ravenna nicht nur seine letzte Heimat, sondern ein Ort, an dem seine Literatur weiterlebt. Ravenna im Oktober ist ruhig, warm und wie ein stiller Dialog mit der Vergangenheit. Wer Dante begegnet, denkt neu über sich selbst nach.



 
 
 

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